Strom-Communities – Die Energiewende schafft neue Geschäftsmodelle

Als Beegy im Sommer 2016 „Das Ende der Stromrechnung“ propagierte, die FAZ in New York „die Abschaffung der Energieversorger“ beobachtete und wenig später mit der sonnenFlat die „Strompreise abgeschafft“ wurden, zeigte sich erstmals auch der breiten Öffentlichkeit ein Trend, der bislang nur Eingeweihten in der Energiewirtschaft bekannt war. So bezeichnete der VBEW schon 2014 die Energiewende als „staatlich geförderte Verbraucher-Entsolidarisierung“ und gab die Schuld dafür „privaten und gewerblichen Photovoltaik- und Blockheizkraftwerksbetreibern, die ihre Stromkosten optimieren, indem sie Strom selbst erzeugen und verbrauchen.“

Um seine Stromkosten nachhaltig zu optimieren, konnte ein Stromverbraucher bisher den Lieferanten wechseln oder sich über zeit- und lastvariable Tarife beliefern lassen und begleitend den eigenen Verbrauch optimieren (Demand-Side-Management). Der nächste Optimierungsschritt ist nun der Aufbau von Eigenerzeugung zum Zwecke des Eigenverbrauchs, also die Übernahme der Rolle eines Strom-Prosumers. „Das Wort Prosumer setzt sich zusammen aus den Begriffen „Produzieren“ (engl. „to produce“) und „Konsumieren“ (engl. „to consume“). Im Fall von Strom produziert ein Prosumer somit (teilweise) seinen konsumierten Strom selbst. … Die Eigenversorgung mit Strom ist in der Industrie bereits verbreitet. Laut EWI (2014) lag der Selbstverbrauch in der Industrie in den vergangenen Jahren in einem Korridor zwischen 10 – 20 % (entspricht ca. 20 – 50 TWh).“ (GWS mbH Osnabrück, Mai 2016) Für die Prosumer-Entwicklung im Privatkundensegment gibt es Prognosen. So rechnet GWS für das Jahr 2030 in der o.a. Studie beispielsweise mit ca. 4,7 Millionen Prosumer-Haushalten.

Doch mit Übernahme der Rolle eines Prosumers alleine ist das Stromkostenoptimierungspotential noch nicht erschöpft. Denn durch die Solidarisierung vieler Prosumer auf einer Plattform, durch einen Schwarm-Effekt dieser Marktteilnehmer in Form sogenannter StromCommunities, entsteht weiterer Nutzen, der privat- wie netz- und auch gesamtwirtschaftlich bewertet werden kann. Dies gilt übrigens für Einzelhaushalte genauso wie für Mehrfamilienhäuser und Mietwohnungen (Mieterstrom).

Beispielsweise können Prosumer – und egal, in welchem Marktsegment – durch ihren Eigenverbrauch für eine Entlastung der Stromnetze sorgen. Eigenverbrauch von selbst produziertem Strom vermeidet den Transport über das Stromnetz und zugleich auch Lastspitzen. Wenn also Stromerzeugung, Batterien und Verbraucher netzdienlich eingesetzt werden, schließen sie genau da die Solidaritätslücke, welche der VBEW in der oben zitierten Quelle noch so bitter beklagte.

Vermutlich steht für viele private Prosumenten aber erst mal die eigene Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Denn die Absenkung der Einspeisevergütung unter den Strombezugspreis für private Haushalte hat den Eigenverbrauch für private Haushalte attraktiv gemacht.

Die Rechnung geht auch für gewerbliche Prosumer auf. Und die bieten als Zielgruppe übrigens zugleich neue Chancen für lokale Stromvertriebe. Die hatten  im Gewerbekundensegment als Stromlieferant zuletzt immer mehr Marktanteile an überregionale oder spezialisierte Vertriebe  verloren. Doch nun kann über partnerschaftliche Realisierung von gewerblichen Prosumer-Modellen neu gerechnet werden, wenn lokale Stromvertriebe ihren Gewerbekunden innovative Prosumer-Komplettlösungen anbieten.

 

Bernd Mildebrath, Schleupen AG
Moers, 6. September 2017

 

Ein Gedanke zu „Strom-Communities – Die Energiewende schafft neue Geschäftsmodelle“

  1. Wenn schon Strom-Community, dann aber gleich richtig. Das gemeinschaftsdienliche Mitwirken der Energiezellen (ob nun als Haushalt oder Gewerbe, oder ein ganzes Quartier, eine Stadt, eine Region oder schließlich das gesamte Energiesystem) sollte bei der rein monetären Betrachtung nicht stehen bleiben. Schließlich gilt es die Netzstabilität (und die Netzsicherheit) trotz Umsetzung der Energiewende ständig sicherzustellen. Dabei ist der jeweils eigene Energievorrat als Puffer ungemein nützlich. Allerdings braucht dieses Einbringen von Flexibilitäten die Mithilfe von Energieassistenzsystemen, welche die jeweiligen mündigen Energienutzer unterstützen. Und es sollte auch an einen Ausfall des Netzes gedacht werden. Dann wäre ein „Fangen im Eigenbedarf“ und ein Übergang in einen Inselbetrieb notwendig. Für solche notversorgungsfähigen Energiezellen gibt es aber noch keine Anwendungsregel und für einen ggf. sogar selbstorganisierten Netzwiederaufbau schon gar nicht. Solange es nur elektronische Zähler und keine Energieassistenzsysteme, damit auch kein lokales Energiemanagement gibt, bleiben die Energienutzer weiterhin unmündig. Und diese Unmündigkeit bei den Energienutzern ist noch sehr verbreitet. Solange weiterhin auf zentrale Steuerungen gesetzt wird, bleibt dieser ungute Zustand und damit wird sogar durch das Steuern von außen ein Blackout ermöglicht. Steuern von außen müsste strikt uns mit außerordentlich hoher Verlässlichkeit unterbunden werden. Nur den Eigenbedarf besser abdecken wollen, ist ein zu kurzer Ansatz. Damit kann die Energiewende nicht gemeistert werden.

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